Blutroter Beweis
BRACER
Dank an deine Hingabe
Fräulein Guillotin saß an einem Tisch im Freien auf dem zentralen Platz von Snezhnograd und aß wie die Einheimischen Borschtsch. Dazu trank sie heißen, mit Alkohol versetzten Kaffee. In der eisigen Kälte kühlte er zwar rasch ab, brannte beim Schlucken jedoch vom Hals bis in den Magen. Das kluge Fräulein Guillotin verstand sofort, warum der spitzohrige Kellner ihr empfohlen hatte, die doppelte Menge Feuerwasser hinzuzufügen. Von Fontaine nach Snezhnaya – das hatte sie etliche Mühe gekostet. Den größten Teil der Zeit hatte sie auf den Schneefeldern verbracht. Das Wetter war kälter als erwartet, doch der Weg selbst war weniger beschwerlich als gedacht. Was sie aufhielt, war einzig dieser merkwürdige Ort. Sie sah, wie jemand mit nacktem Oberkörper von einem gut zehn Meter hohen Baum in einen Schneehaufen sprang. Dann beobachtete sie Kinder, die auf dem zugefrorenen See ein Rennen veranstalteten – darum, wer als Erster das Eis eintreten und ins Wasser fallen würde. Das Unglück war der Sieg, und so freute sich der Pechvogel am meisten. All das war noch schwerer zu begreifen als Alains kleine Geschichte vom Helden, der gegen den Drachen kämpft – denn es ließ keinerlei rechten Sinn erkennen und war ihr dennoch ausgesprochen fremd und neu. Vor etlichen Monaten saß sie mit einer Teetasse in der Hand auf einer Bank am Hof von Fontaine. Durch die feuchte, diesige Luft beobachtete sie die Renovierungsarbeiten am gegenüberliegenden Gebäude und vertrieb sich die Zeit damit, dem Bautrupp Fehler nachzuweisen. Der Aufpasser zeigte sich davon nicht genervt – im Gegenteil, er bedankte sich bei ihr. Das hinterließ einen guten Eindruck bei ihr, und so ließ sie es stillschweigend zu, dass er das Gespräch von sich aus weiterführte. Der Mann, der sich als Vize-Präsident irgendeines Verbands vorstellte, redete in einem gleichmäßigen, einschläfernden Ton. Eigentlich wäre das eine gute Gelegenheit zum Ausruhen gewesen – leider hatte sie seit Alains Weggang stets zu viel Zeit zum Grübeln und Dösen und hatte sich daran gewöhnt, alltägliche Dinge abseits ihrer Forschung im Halbschlaf zu erledigen. So hatte das Palais Mermonia ihr zum Beispiel eine stattliche Abfindung für Herzog Alain Guillotin ausgezahlt. Sie wollte nicht wie ein Geizhals auf einem Haufen Mora hocken und langsam vor sich hinvegetieren – zumal sie offenkundig schlichtweg nicht sterben würde – und sie wollte schon gar nicht, dass man sich in ein paar hundert Jahren Schauergeschichten über eine Puppe im Keller erzählen würde. Sie hatte gehört, dass die nicht weit entfernte Bank attraktive Anlagemöglichkeiten anbot. Doch eine Bank aus dem Ausland war für sie so etwas wie eine Falle. Egal, wie viel der hiesige Vizepräsident sie für ihre großzügige Förderung lobte – das kluge Fräulein Guillotin ließ sich davon nicht überzeugen. Oder warum gibt es Brot, das genauso bitter schmeckt wie schwarzer Kaffee, und ein Getränk, das sich anfühlt wie Brot? Alain hatte ihr ein Geschmacks- und Temperatursystem eingebaut, das dem eines Menschen in nichts nachstand. Aber wie sollte sie überprüfen, ob diese Funktionen ebenfalls bei niedrigen Temperaturen über einen langen Zeitraum stabil laufen? Der allzu freundliche Zweigstellenpräsident erzählte noch stets Anekdoten über Abenteuer in fremden Ländern. Zwischendurch lobte er sie. Er meinte, dass eine kluge Dame wie sie selbst für weitgereiste Abenteurer eine echte Seltenheit sei. Das sei wahrhaftig eine kleine Talentverschwendung. Sie half hier schließlich lediglich, Fehler in der Baustruktur zu korrigieren. Daraufhin stellte Fräulein Guillotin ihre leere Teetasse ab und beschloss, ein Getränk mit Brotgeschmack zu probieren. An einem Tisch inmitten von Eis und Schnee lernte sie den Direktor der Fatui kennen. Damals überlegte sie, wie alt der alte Hof wohl sein mochte, während sie zusah, wie ein Volkodlak, der noch ungeschickter war als Pulonia, versuchte, ein ganzes Tablett randvoller Weingläser zu balancieren. Inmitten dieser wackeligen Angelegenheit beschrieb ihr der Maskierte ein Ideal zur Rettung der Welt. Er sagte, das unvernünftige Schicksal sei eine Kette, die zerbrochen werden müsse, und die alte Welt zu zerstören, sei gleichbedeutend damit, sie zu retten. Schicksal und Weltenrettung – Themen, die sie schon häufig gehört hatte. Doch gerade jetzt wirkten sie irgendwie aufgesetzt. Sie seufzte und dachte: Alain ... Du hast mir eine freie und außergewöhnliche Seele geschenkt. Hast du dabei je überlegt, was ich damit anfangen würde? Doch gleich darauf korrigierte sie sich: Das war eigentlich keineswegs Alains Frage. Das war ihre eigene Lebensaufgabe. Der Held mit dem heiligen Schwert und der böse Drache, völlig gleich, ob er besiegt werden sollte oder nicht, sind Geschichten aus der Vergangenheit, und diese Welt wartet erstaunlicherweise stets noch darauf, gerettet zu werden. Kurze Zeit später wurde sie „Marionette“ oder Sandrone genannt. Sie bekam die dazu passende Verantwortung. In ihrer Freizeit setzte sie sich wieder auf den vertrauten Platz, um aus der Ferne zum Fenster der Abenteurergilde zu blicken. Die Empfangsdame namens Katheryne stand elegant da. Es schien, als würde der eisige Schneesturm sie niemals stören. Jemand klebte Theaterprogramme an das benachbarte schwarze Brett. Auch Rekrutierungsplakate der Fatui hingen dort. Auf diesen prangten leuchtend rote Blumen, die farbenfroher als die Tanzkleider der Schauspielerinnen waren – versprochene Orden für die Opferbereiten. Seit Sandrone den tieferen Sinn der Abenteurergilde in Snezhnaya kannte, wunderte sie sich kaum darüber. Die Fatui zogen eine riesige Bestie namens „Ideal“ heran, und Talente sowie Informationen waren die dafür nötigen Nährstoffe. Manchmal hatte sie wie in Trance das Gefühl, selbst ein Teil davon zu sein.
