Legende vom heiligen Baum der schwebenden Insel
Content
Legende vom heiligen Baum der schwebenden Insel
Der „Heilige Baum der schwebenden Insel“ ist eine der seltsamen Geschichten, die unter den Seeleuten von Seafeld City weitererzählt werden. Es heißt, in irgendeinem fernen Fjord erscheine und verschwinde eine geheimnisvolle schwebende Insel, gehüllt in Nebel und gekrönt von einem gewaltigen Baum. Noch niemand hat je erfolgreich einen Fuß auf sie gesetzt. Vereinzelte Sichtungen reichen nicht aus, um ihren möglichen Standort auf irgendeiner Karte festzuhalten. Doch je unerreichbarer ein Ort ist, desto heller brennt die Lampe der Fantasie, die er entfacht. Die Spekulationen über das Geheimnis der Insel, die von zahllosen Seeleuten weitererzählt und ausgeschmückt wurden, sind zu einem Wald aus Legenden herangewachsen, weit dichter als der heilige Baum selbst. Um ihren Ursprüngen nachzugehen, hat dieser Autor die einflussreichsten Theorien zusammengetragen, die im Folgenden aufgeführt sind. Die Schatzschiff-Theorie Diese Version wird hauptsächlich unter der älteren Generation von Fischern weitererzählt. Sie besagt, dass im Leinwandzeitalter ein Adliger angesichts einer bevorstehenden katastrophalen Flut die Menschen seines Herrschaftsgebiets mobilisierte, um ein gewaltiges Schiff zu bauen, groß genug, um sie alle aufzunehmen. Doch am Vorabend der Abfahrt gestand der Adlige seinen Betrug. Sämtlicher Reichtum, den er geplündert hatte, war in Getreidesäcke gepackt und von ahnungslosen Arbeitern in den Laderaum getragen worden. Die Vorräte des Schiffs reichten daher nur für eine Handvoll Menschen. Von Anfang an hatte der Adlige nie vorgehabt, alle mitzunehmen. Am Ende segelte er, bewacht von einigen wenigen treuen Soldaten, allein davon. Da ihm ein Navigator fehlte, der das Meer verstand, drehte das gewaltige Schiff in den Strömungen nur endlos seine Kreise. Selbst als die Fluten zurückgingen und Vögel mit Weidenzweigen zurückkehrten, erblickte der Adlige nicht einmal einen Schimmer von Küste. Schließlich nahmen sich seine treuen Soldaten das Leben. Der hungernde Adlige, dessen Bauch voller Juwelen war, trieb mit seinem großen Schiff weiter dahin, für immer auf dem Ozean der Leinwand verloren. Lange danach wurde dieses gewaltige Schiff zusammen mit Planarcadia zurück in die Realität gebracht. Der Schiffsrumpf wurde zu einer Insel, die sich weigerte, das Wasser zu berühren. Die kurzsichtige Besessenheit des Adligen von seinem Hort verdichtete sich zu dem ständigen Nebel. Und der Weidenzweig, den ein Vogel getragen hatte, wuchs auf der Insel zu dem heiligen Baum heran. Die Katastrophen-Theorie Diese Version ist unter Familien verbreiteter, die Schiffbrüche oder Naturkatastrophen erlebt haben. Sie betrachtet die schwebende Insel als eine „Boje des Unheils“, wobei ihr Zustand, im Nebel verborgen zu bleiben, als Normalzustand gilt. Die Wurzeln des heiligen Baums durchbohren demnach die Meeresströmungen und verbinden sich mit dem Meeresboden selbst. Immer wenn der heilige Baum eine heraufziehende Katastrophe spürt, strecken sich seine Äste aus und heben die Insel aus dem Nebel, um die Seeleute vor dem drohenden Unheil zu warnen. Archivarin Easoo zeigte diesem Autor eine von ihr zusammengestellte Zeitleiste: Auf mehrere historische Sichtungen folgten jeweils kurz darauf schwere Schiffsunglücke, Sturmfluten oder andere Katastrophen in Seafeld City. Easoo legt nahe, dass es sich selbst dann, wenn Zufall eine Rolle spielt, oft als wirksam erwiesen hat, das alte Sprichwort zu beherzigen – „Wenn die schwebende Insel sich erhebt, in ihre Nähe euch besser nicht begebt.“ – indem man nach ihrem Erscheinen drei Tage lang sein Zuhause sichert und das Meer meidet, um Unglücke zu vermeiden. „Das ist genau wie der ‚Detektiv Todesgott‘ in Mystery-Comics, der immer direkt zusammen mit den Katastrophen auftaucht“, bemerkte Easoo. Die Schließfach-Theorie Diese Theorie erfreut sich unter jungen Seeleuten und Horrorfans beträchtlicher Beliebtheit. Sie glauben, dass der Nebel um die schwebende Insel eine absichtliche Tarnung ist und der heilige Baum darauf ein Waffendepot für einen „Wächter“ darstellt, der im Schatten der Geschichte verborgen ist. Jedes Mal, wenn sich der Nebel lichtet und die Insel erscheint, soll das auf eine Krise in Seafeld City hinweisen, die gewöhnliche Menschen nicht bewältigen können – eine Krise, der sich dann der „Wächter“ annehmen wird. Dieser Autor vermutet, dass diese Vorstellung stark von der Popkultur beeinflusst ist. In den Comics, über die diese Enthusiasten begeistert sprechen, braucht ein Wesen, das größer ist als jeder Superheld, eine abgelegene, geheimnisvolle und unzugängliche Basis – und genau auf diese Beschreibung passt die schwebende Insel perfekt. Anhänger dieser Theorie sind in einer Online-Diskussionsgruppe namens „Nebelbeobachter“ aktiv und versuchen, die Muster des Erscheinens der Insel zu entschlüsseln, um so ihren verborgenen Meister aufzudecken. Sie sind fest davon überzeugt, dass es beim Geheimnis der schwebenden Insel nicht nur um Reichtum oder Katastrophen geht, sondern um die tiefere Funktionslogik der Welt selbst.
